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Letzte Aktualisierung: 27.04.11
Bei No Limit Hold‘em gibt es viele Arten und unendliche Möglichkeiten zu erhöhen bzw. zu raisen – ein Merkmal des Spiels, das man sich als guter Spieler unbedingt zu nutzen machen sollte! Wir möchten Ihnen in diesem ausführlichen Artikel einige Raise-Strategien für NL 6Max Cashgames vorstellen, mit denen Sie Ihr bereits solides Pokerspiel strategisch-aggressiver gestalten und dadurch signifikant verbessern können – nehmen Sie sich jedoch am Besten etwas Zeit fürs Lesen!
Bei No Limit Texas Hold‘em eröffnet sich an vier Streets (Preflop, Flop, Turn, River) die Möglichkeit einen beliebig großen Raise zu tätigen. Diese Erhöhungen dienen nicht nur dazu den Pot zu vergrößern, es sind vielmehr „Informationspakete“ die man dem Gegner übermittelt. Dadurch dass diese Pakete bei NL auch „beliebig groß“ sein können, ist der geschickte Spieler auch in der Lage eine Vielzahl von (manipulierten) Informationen zu verpacken. Der Gegner wird dieses Paket natürlich nicht als freudiges Geburtstagsgeschenk in Empfang nehmen, jedoch ist er stets mit dem mühseligen Auspacken von neuen Geschenken beschäftigt, die alle ein komplexes 1.000 Teile Puzzle mit einigen falschen Teilen erhalten und wenig Laune bringen werden.
Angenommen Sie grinden 6Max NL100-Cashgames und die Pokersoftware sagt mit der Zeit, dass Ihr Stil ungefähr bei tight aggressiven 18/15 (VPIP/PFR) liegt, d.h. Sie spielen ungefähr 18% und raisen 15% aller Hände First-In. Das relativ solide Spiel mit guter Handselektion bedeutet im Umkehrschluss aber auch eine gewisse Vorhersehbarkeit für den smarten Gegner, dem Sie über kurz oder lang nicht ausweichen können oder der es später selbst auf einen abgesehen hat. Darüber hinaus gilt es sich gegenüber den ähnlich starken Gegnern eine Edge zu „erarbeiten“ bzw. diese virtuell zu erzeugen, um auch von diesen Spielern später eine Auszahlung zu erhalten, die Sie sonst nur von den schwächeren Akteuren erwarten könnten.
In den nachfolgenden Abschnitten werden wir Ihnen für jede einzelne der vier Streets spezifische Raise-Strategien vorstellen und soweit es geht erläutern. Diese selektiv ausgewählten Erhöhungen, die beim Gegner allerdings oft wie Zufall wirken können, werden ein Art „Schleier“ über Ihr solides Pokerspiel legen um es damit undurchsichtig und noch profitabler machen.
Im Leben entscheidet oftmals der erste Eindruck und beim Pokern ist das nicht anders, bereits preflop werden die Weichen für die gesamte Hand gestellt und sofort ein gewisses Bild (das vielzitierte Image) beim Gegner erzeugt. Ein Call symbolisiert dabei zumeist Passivität und Schwäche, Charakteristika die nicht zu einem guten Pokerspieler gehören. Wir empfehlen die Speed Date-Taktik preflop meistens nur zu raisen oder zu folden, d.h. binnen 7 Sekunden entscheiden Sie ob Sie mit Ihrer Hand glücklich sein können (welch freudscher Versprecher…) oder nicht und falls ja, sollten Sie direkt Vollgas geben und den unbequemen Bully spielen. Ausnahmen bestätigen je nach Situation und Gegner natürlich die Regel, jedoch sollte für gewöhnlich eher selten gecallt werden und wenig bis gar nicht gelimpt werden da man sonst zum Spielball der besseren Gegner wird.
Die meisten gespielten Händen werden also standardgemäß First-In geraist. Eine gute Size ist das 2,5- bis 3,5-fache des Big Blinds, wobei der Betrag am Button kleiner sein sollte als UTG. Die Blinds kommen nämlich des öfteren (und zu Recht) auf die Idee gegen den Open Raise vom Button eine Bluff-3Bet anzusetzen. Längerfristig betrachtet hat eine kleine Raise Size daher leicht positive Auswirkungen auf die BB/h-Rate. Ansonsten sollte für gewöhnlich Hand-unabhängig immer der gleiche Betrag geraist werden, damit Sie den Gegnern keine einfachen Betting Patterns offenbaren.
Bei gegnerischen Open Raises (nur von aktiven Big Stacks) bietet sich oft eine strategisch-aggressive 3Bet an (etwa um das ~3-fache des Pots bzw. je nach Intention oder Stacksizes), wenn man von der relativen Handstärke her sonst eher folden oder in Position vielleicht callen würde. Gegen Calling Stations sollte Sie zumeist für Value und zur Isolation 3betten, weil kaum Fold Equity ausgenutzt bzw. aufgebaut werden kann.
Bei häufig getätigten 3Bets im Bereich von 10%, von denen einige auch der Information dienen sollten, könnten Sie zwar mit der Zeit light gecallt oder ge4bettet werden, aber man gibt den Gegnern generell zu verstehen dass man als Big Stack keine Angst davor hat große Pötte zu spielen und frühestmöglich das Kommando übernehmen will. Der große Vorteil des Preflop Aggressors ist nämlich, dass er eine höhere „Informationsdichte“ hat, d.h. Sie können die gegnerische Hand besser beurteilen als der Gegner, der das gleiche mit Ihrer Hand versuchen wird (falls er gut ist).
Durch Ihre aggressive Spielweise soll die angesprochene Angst sogar gezielt beim Gegner geschürt werden, d.h. er soll dazu bewegt werden lieber zu folden als zu callen, weil ihn postflop ja noch größere Bets erwarten wo er noch schwierigere Entscheidungen treffen muss. Das Ergebnis wird eine optimal genutzte Fold Equity sein, die bei jedem Gegner mit der Zeit und der Höhe Ihres Stacks weiter ansteigen wird.
Irgendwann wird trotzdem ein selbsternannter Sheriff eine große 4Bet wagen und evtl. All-In mit über >50 Blinds pushen, dann haben Sie natürlich AA, KK, QQ oder AK denn bei dem zuvor aufgebauten Respekt sollten Sie schon eine sehr starke Hand haben um ein All-In von dieser Größenordnung bezahlen zu können. Falls Sie bessere Spieler oder Maniacs am Tisch haben, die Ihre 3Bet auch mal light erhöhen oder 4betten sollten oder müssen Sie sogar – vor allem in Position und mit hohen Pocket Pairs oder K bis T-Blocker Facecards – noch einmal drüber gehen (ggf. All-In bei genügend Fold Equity). Wenn Sie die gegnerische 4Bet lediglich callen geraten Sie gegen aggressive Spieler in Trouble, weil Sie zwar einen großen Pot erzeugt und evtl. Position, aber nicht genügend Informationen über die gegnerische Hand haben – und der Handread ist mit der wichtigste Faktor beim 6Max-Spiel!
Gelegentlich und vor allem wenn die involvierten Spieler Deep Stacked sind, kann preflop oder am Flop auch nur downgecallt werden zwecks Pot Control, wie man es sonst nur mit AA preflop oder am Flop mit Sets machen würde um zu slowrollen.
Mit QJ oder anderen Facecard-Blockern (Middle und Low Pairs sind nicht geeignet), seltener mit mittleren Connectors, können Sie selbst auch mal Bluff 4betten, falls Sie ein gutes Gefühl bei der Sache haben! Haben Sie rechts einen Maniac sitzen der preflop jede Hand raist und am Flop Potbet spielt, sollten sie etwas weniger und gezielter 3betten um die Potgröße am Flop zu kontrollieren, da Sie angesichts der gegnerischen Spielweise oft noch den Turn benötigen um sich ein ausreichendes Bild von seiner Handstärke machen zu können. Ein 2nd oder Bottom Pair am Flop kann gegen solche Gegner oft wie TopPair gespielt werden. Falls der Maniac links sitzt wird er Ihre 3Bets mit der Zeit des Öfteren nochmal erhöhen.
Am Flop entscheidet sich der Großteil der ganzen Runde! In der Regel sollten Sie den Flop als Aggressor zu Gesicht bekommen und zu 70-90% (je nach Gegner, Anzahl und Position) eine Conti Bet machen. Sollte jemand in Sie reindonken, d.h. eine OOP Bet machen obwohl er preflop nur gecallt hat, ergeben sich mehrere Optionen. Ein Monster ab Top2Pair kann meistens slow gespielt und Ace High in der Regel gefoldet werden, ein Bluff Raise mit AK-AT wäre nur bei Backdoor-Möglichkeiten und gegen gute Spieler eine Alternative. Interessant wird es ab Bottom, Middle und Top Pair sowie guten (Backdoor) Draws, mit diesen Blättern empfiehlt es sich meistens zu raisen. Bei Middle Pairs und guten Draws sollte etwas zumeist aggressiver geraist werden, wobei bei einem gegnerischen Call am Turn oft (behind) gecheckt werden kann – meistens bei ankommenden Blanks, aber auch mal bei gemachten Flushs/Straights. Falls ein Gegner Ihre Bet oder Ihren Raise am Flop nur bezahlt und der Flop eigentlich relativ dry und unconnected ist, sollten Sie vorsichtiger agieren und in der Regel nur check-callen oder -folden insofern Ihr Draw nicht gekommen ist oder Sie nur ein Paar und Kicker Trouble haben. In einigen Situationen können gute Spieler auch mit Bottom Pairs zum Folden (Gutshot-Draw bis Top Pair mit Weak Kicker) bewegt werden. Allerdings werden sich die Monkeys bekanntlich nicht von Banana Raises am Flop beeindrucken lassen, weil sie u.a. kein Level Thinking besitzen was aber notwendig ist um überhaupt die angesprochenen Informationspakete aufzumachen und zu interagieren. Demnach sollten Sie als guter Pokerspieler wahrscheinlich auch das ein oder andere Mal geblufft werden „dürfen“…denken Sie immer daran, mit dem Flop und Ihrer anschließenden Spielentscheidung entscheidet sich der Großteil der ganzen Runde!
Falls Ihre Hand bereits „fertig“ ist (ab 2Pair), der Draw oder eine Draw- repräsentative Karte gekommen ist, sollten Sie mit 50 bis 75% des Pots weiter anspielen. Mit relativ starken aber verletzbaren Händen wie Top Pair (Top Kicker), Bottom Two-Pairs oder kleinen Straights sollte eher 75% bis Potsize gesetzt werden. Eine eventuelle Information oder Air Bet am Turn, weil der Gegner z.B. überraschenderweise am Flop gecallt hat oder der Turn bluffbar ist, sollte auch im Nuts-deckungsgleichen Bereich von 50 bis 75% des Pots liegen. Falls ein gewöhnlicher Spieler Ihre Turn-Bet erneut (nur) callt und im Board liegen keine guten Draws, rennen Sie wahrscheinlich gegen ein Set an und sollten am River einen Check-Fold einplanen. Am Turn sollten Sie OOP und gegen bestimmte Gegner etwas mehr checken oder check-callen zwecks Pot Control. Insbesondere wenn noch mehrere Gegner am Turn involviert sind und Sie nur eine halbstarke Hand haben, die zwar gegen einen aber nicht gegen zwei Spieler gut sein müsste. Im Allgemeinen sollte das für Sie nicht so relevant werden, da Sie als aggressiver Squeezer spätestens nach dem Flop im Heads-Up sein sollten. Hierbei gilt es dann zumeist die Hand am Turn zuzumachen oder eine Delayed Conti Bet zu spielen. Für gewöhnlich sollte die Turn-Karte kaum etwas an der Situation der Handstärken verändert haben, da Sie und der Gegner sich ja zum Flop bekannt haben. Die meisten Gegner werden sich bei einem Turn-Blank mit einem Raise zeigen (oder OOP reindonken), wenn sie am Flop schon TopPair besessen oder am Turn ein neues TopPair getroffen haben. Je nachdem wie loose und aggressiv der Gegner ist, sollten Sie Ihre wahrscheinlich schwächere Hand dann folden.
Am River dürften Sie nach der bisherigen Betting Action schon eine ungefähre Ahnung von dem haben was der Gegner auf der Hand halten könnte, zumindest also 2-3 Ranges von Handgruppen oder vielleicht sogar 2-3 spezifische Hände weil Sie einen Read haben. Sollte der Gegner weiter aggressiv sein und z.B. 75% des Pots setzen, müssten Sie schon ein Monster oder bei einem guten Gegner wenigstens einen Bluff Catcher haben. Interessant wird es bei Bets im Bereich vom Minimum bis 50% des Pots, hier besteht oft die Möglichkeit einen größeren Raise anzusetzen insofern der Gegner noch Big Stack ist und seine Hand folden könnte, weil sie entweder nur halbstark oder gar ein Bluff ist. Als Aggressor sollten Sie am River meistens eine Value Bet oder Air Bet (bei Missed Draws) ansetzen, der Bereich 50-75% ist für Stoned Cold Nuts sowie auch Pure Air gut geeignet. Die marginalen Value Bets mit schwachen Top Pairs oder Ugly Middle Pairs sollten sich – falls Sie denn durch Hero Calls kontrolliert werden – später noch mit größeren Auszahlungen rechnen, insofern Sie weiter ein aggressives und undurchschaubares Image bzw. Spiel aufgebaut haben. Sie selbst sollten gegen schwache und normale Spieler eher selten Hero Calls machen, gegen gute Spieler können selektive River-Kontrollen jedoch ein gutes Investment für spätere Entscheidungen bzw. Zeiten sein.
Kommen wir abschließend zurück zum Beispiel des soliden 18/15 6Max NL100 Cashgame-Spielers, der durch diese selektiv-aggressiven Raise-Strategien sein Spiel und Auftreten sofort signifikant verbessern wird. Zum einen wird dabei maximaler Druck auf die Gegner ausgeübt und zum anderen vorhandene Fold Equity ausgenutzt sowie neue für spätere Situationen aufgebaut. Darüber hinaus wird man mit der Zeit auch von besseren Spielern Auszahlungen für gute Hände erhalten können. Das Ziel sollte sein die meisten Hände ohne Showdown zu gewinnen, bei einem evtl. Showdown aber eine gute Hand präsentieren zu können und somit zu einem sehr unbequemen Gegner zu werden!
Um im Spiel auch eine mathematisch ausgedrückte Unberechenbarkeit an den Tag zu legen (die Gegner benutzen wahrscheinlich ebenfalls Poker Hilfsprogramme mit VPIP/PFR-Anzeige etc.) empfiehlt es sich auf Ihre übliche Range von Händen ca. 3-5% draufzuschlagen, die Sie preflop immer First-In raisen oder gegen bestimmte Open Raiser 3betten. Demnach sollte der o.g. Spieler z.B. anstreben 22/19 mit 8-10% 3Bets zu spielen und auch seine eigene „stilsichere“ 4Bet-Range entwickeln. Jene strategischen 3Bet Hands, die zumeist aber eher random wirken und die Gegner verunsichern bzw. in die Irre führen werden, sind dann oft sog. Ugly Hands die Sie sonst (bei einem gegnerischen Open Raise) eigentlich nicht spielen würden, also z.B. viele Face Cards (mit Blockern) oder diverse höhere (Suited Gap) Connectors, aber in der Regel keine schlecht spielbaren Baby Aces
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